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Über den Tod PDF Print
Written by McClaudia   
Freitag, 04 Januar 2008
Article Index
Über den Tod
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Grabschliessung
Totenbrauchtum
Grabbeigaben
Bestattungsarten
Antike Schriften
Tod in der Neuzeit
Sonderbestattungen
Das Sterben
Die Seele
Leben nach dem Tod
Wiedergeburt
Die Anderswelt
Neuheidnische Sicht
Quellenangaben

Anderswelt oder Wiedergeburt?

„Eurer Lehre zufolge gehen die Schatten nicht zu den stillen Sitzen des Erebus und nicht in das bleiche Reich des Dis in der Tiefe, sondern der gleiche Geist gebietet den Gliedern in einer anderen Welt [im Original: orbe alio]. Wenn das, was ihr singt, richtig ist, so ist der Tod die Mitte eines langen Lebens; jedenfalls sind die Völker, auf die der Große Bär niederblickt, glücklich in ihrem Wahn, weil sie der größte aller Schrecken nicht bedrängt, die Todesfurcht. Daher stürzen sich die Männer mit Begeisterung einem Schwert entgegen, hat der Tod in ihren Herzen Raum und scheint es ihnen feige, ein Leben zu schonen, das doch wiederkommen soll.“, Marcus Annaeus Lucanus, Pharsalia / De bello civilis, ( I,454-462)

Die Beschreibung des Lucan zeigt aus sich heraus schon das Dilemma auf, um das es im Folgenden geht: Was passierte nun mit den Kelten nach dem Tod? Es gibt quellenmäßig gesehen genau zwei Möglichkeiten: Entweder man wird wiedergeboren – dafür sprechen antike Autoren und einige Stellen in der inselkeltischen Literatur, sowie eine zeitweise Abwesenheit von Grabbeigaben (s.o.). Oder man kommt in ein Totenreich, eine andere Welt: Dafür sprechen die unzähligen Grabbeigaben sowie die ebenfalls unzähligen Andersweltbeschreibungen in der inselkeltischen Literatur.

Was jetzt Lucan betrifft, so denke ich wie Birkhan, dass man sich davor hüten sollte, „orbe alio“ allzu schnell als „Anderswelt“ im Sinne der inselkeltischen Literatur zu deuten, denn welcher „Glieder“ bedarf ein Geist in einer geistigen Welt? M.E. ist orbe alio hier nur ein Ausdruck für die irdische Welt, die in Zukunft ja „anders“ aussieht als heute. Und in der irdischen Welt benötigt man bekanntlich Glieder, um als Lebewesen zu gelten. Auch das lange Leben, das vom Tode unterbrochen wird, klingt für mich eher nach menschlicher Wiedergeburt als an ein Weiterleben im Jenseits.

Ich möchte hier die Auflösung des Dilemmas vorwegnehmen und anschließend die Quellen selbst sprechen lassen:

Eine Möglichkeit wäre, dass die Jenseitsvorstellungen zeitlich und örtlich variierten. So könnten die einen an eine Wiedergeburt geglaubt haben und die anderen an ein Eingehen der Seele in die Andere Welt oder gar an ein Weiterleben des „lebenden Leichnams“ im Grabe. Da „die Kelten“ ja kein homogenes Volk waren, sondern es lediglich ein Kulturbegriff zur Vereinfachung darstellt, wären auch unterschiedliche Jenseitsvorstellungen denkbar.

Das Dilemma bleibt aber irgendwie trotzdem, denn genauso häufig, wie man Grabbeigaben in antiken keltischen Gräbern findet (und zwar meistens) genauso hartnäckig behaupten die klassischen Autoren, die Kelten hätten an Wiedergeburt geglaubt. Eine mögliche Lösung für dieses Problem könnte zwischen den Zeilen des Hinweises von Diodorus Siculus liegen, der meint: „[...], dass die Seelen der Menschen unsterblich seien und nach einer bestimmten Zeit von Jahren noch einmal lebten, wobei die Seele in einen anderen Körper eingehe.“ Genau dieses „nach einer bestimmten Zeit“ wäre hier der Schlüssel für die Antwort auf die Frage: „Was machen die Seelen in der Zeit zwischen dem Tod ihres alten Körpers und der Geburt ihres neuen?“ Genau hier könnte man das Totenreich, die Anderswelt einfügen. Die Seele würde also nach dem Tode in die Anderswelt eingehen, wo es ihr, wie weiter unten beschrieben, offenbar sehr gut geht, und nach „einer bestimmten Zeit“ würde sie wiedergeboren werden. Auch im Hinduismus wird man normalerweise nicht sofort wiedergeboren, sondern kommt auch erst in Jenseitswelten, wo man auf die nächste Wiedergeburt wartet.


Dies wäre m.E. eine elegante Lösung. Bleibt nur das Problem der Ahnenverehrung, wie auch in Sapsutas Geschichte beschrieben. Wenn jede Seele irgendwann wiedergeboren wird, lebt sie ja im neuen Körper weiter und nicht in der Anderswelt. Wie aber kann man dann die Verehrung von Helden und Ahninnen postulieren, wenn die beopferten und geehrten Gräber und Statuen „seelenleer“ sind? Eine Möglichkeit wäre, dass berühmte Ahn/innen einfach nicht wiedergeboren werden, was aber gerade im Widerspruch zu den inselkeltischen Geschichten stünde (s.u.), wo gerade die besonderen Held/innen wiedergeboren werden. Eine andere Möglichkeit wäre, dass es nicht nur eine Seele gibt, sondern mehrere Seelenanteile. Das heißt, eine „Ahnenseele“ verbleibt irgendwo in der Anderswelt und kann von den Lebenden verehrt werden, und eine dynamische Seele wird wiedergeboren. Wenn man diese Theorie konsequent weiterdenkt, würde das bedeuten, dass jeder Mensch unzählige Seelen hätte, nämlich die eine eigene, die von Körper zu Körper sprintet, und viele andere, die er als Ahnengeister in der Anderswelt zurücklässt. Ich überlasse es hier der geneigten Leserin und dem geneigten Leser, sich über dieses Problem weiterhin den Kopf zu zerbrechen ...



 
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