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Mythen

Was sind Mythen?

Mythen sind das Fundament der alten vorchristlichen Religionen. Viele von uns sind bereits von klein auf  mit den Geschichten von Thor und Loki, von Odin, von Hermes oder Prometheus gross geworden. Keltische Mythen sind in unserem deutschsprachigem Kulturraum seltener, aber auch da sind viele mit den Geschichten um König Arthus als Kind in Berührung gekommen oder mit Disneys Verfilmung "Taran und der Zauberkessel", wobei letzteres eine sehr freie Interpretation ist die sich an verschiedenen inselkeltischen mythologischen Elementen bedient.

Den ersten Kontakt zur Mythologie hatte ich ziemlich früh mit ungefähr acht oder neun, eher wie einen Unfall. Ich glaube nicht das meine Eltern sich mehr dabei gedacht haben als das es zur humanistischen Bildung gehört und nicht schaden kann wenn der junge ein solides Fundament erhält. Ich hatte Mythensammlungen, die griechischen Mythen, die römischen und die germanischen. Allerdings ohne weitere Erklärung oder Begleitung seitens meiner Eltern. Wir waren ein eher atheistischer Haushalt.

 

Aber was ist eine Mythe?

Das Wort Mythos, von altgriechisch μῦθος, „Laut, Wort, Rede, Erzählung, sagenhafte Geschichte ist eine Erzählung die sich mit den kollektiven Wahrheiten einer Gemeinschaft befasst und diese in einer Art Traumlogik vermittelt. Sie vermitteln einer Gemeinschaft eine gemeinsame Identität, eine Weltanschauung und eine gemeinsames Wertefundament. Die behandelten Themen sind sehr utnerschiedlich und vermitteln ein Bild von der Weltanschauung einer Kultur, eines Volkes und ihrem Verständnis von der Funktion und den Vorgängen des Kosmos.

Themenfelder von Mythen sind unter anderem:

Der Verbund zusammengehörig verstandener Mythen werden als Mythologie zusammengefasst. Allerdings muss dazu erwähnt werden das diese Wahrnehmung aus der heutigen Perspektive stammt. Die Athener zur Zeit Sokrates verstanden sich als Athener und nicht als Griechen. Dasselbe gilt für die Kelten. Zwischen den einzelnen Stämmen gab es zwar eine große Menge geteilte mythologische Elemente aber auch immer wieder Unterschiede im Großem wie in den Details.

"Mythen sind Wahrheiten erzählt von Dichtern in der Sprache des Traums." 

Boduos

 

Mythen-Kanon und Mythenbetrachtung

Die uns von den europäischen Völkern erhaltene Mythologie ist immer verzerrt und verstümmelt. Das Weltverständnis und die Mythen einer Kultur waren nie einheitlich oder statisch sondern vielfältig und immer in Bewegung, in Entwicklung begriffen. was wir an gesammelten Mythen haben ist ein Sammelsurium verschiedenster Schnappschüsse von Dingen die sich in Bewegung befanden, aus ihrem Kontext gerissen und aus ihrer jeweiligen Kultur und Subkultur. Uns fehlen die in ihrer Zeit geläufigen Bezüge, das Verständnis der jeweiligen Sprachen, denn bei jeder Übersetzung geht zwangsläufig immer etwas verloren. Wie Wittgenstein schon feststellte enthält jede Sprache ihre ihr eigene Grammatik, kulturelle Symbole und Sprachspiele und deswegen lassen sich Sprachen nur immer mit Abstrichen von einer in eine andere übersetzen.

Man darf auch nicht ausser acht lassen das man berücksichtigen muss wer uns die Texte überliefert hat. Sophokles zum Beispiel war neben seiner Tätigkeit als Dichter und Tragödienschreiber auch Politiker und gehörte als Sohn eines Waffenproduzenten zu der oberen Bevölkerungsschicht, zur herrschenden Klasse seiner Zeit. Ob die Bauern, die Handwerker, die Leibeigenen und die Sklaven sich andere Geschichten erzählten oder aus einem anderem Winkel ist uns nicht bekannt, es ist uns nicht überliefert.

Das Zweite ist, das wir uns beim Lesen und begreifen vorchristlicher Mythentexte uns selbst als Betrachter mitbringen. Unsere Weltanschauung, die Meme unserer Modernen Zeit und unser Verständnis der Naturgesetze ist stark abweichend von den Ideen und den Wahrheiten eines Menschen der Antike. Wir können und dürfen Mythen nicht mit unseren Augen betrachten und an unserer Moral messen. Das funktioniert einfach nicht. Umgekehrt würde ein Mythos aus heutigen Tagen den man einem Menschen der Antike erzählt auf ebensolche Missverständnisse und Unverständniss stossen.

 

Die Traumwelt und Traumzeit

Mythen sind allen menschlichen Gesellschaften zu eigen. In der klassischen Antike, das heisst Rom und Griechenland, wurde der ursprüngliche Mythos vom Logos, vom rationalen Denken verdrängt und ersetzt und zum Beispiel im Falle Roms gegen die Narrative des Imperiums getauscht. Man könnte auch sagen das die Überlieferung von Wahrheiten und das Teilen einer gemeinsamen Realität sich durch die Einführung von rationalem Denken in ihrer Form und ihren Methoden verändert hat.

Der ursprüngliche Mythos entspricht einer Traumzeit, einer Traumwelt, in der überlebensgroße Charaktere die unglaublichsten Dinge erleben und die Geschehnisse in einer Logik ablaufen die mit rationalem Denken oder Physik nicht zwangsläufig etwas gemein haben, es ist eher eine Traumlogik in der die unglaublichsten Dinge nach ihren eigenen Gesetzen und nicht immer in der richtigen zeitlichen Reihenfolge stattfinden.

Das spricht nicht gegen den Mythos. Der Mythos ist eine alte Form, eine alte Sprache die Realität, das Universum kollektiv zu begreifen und ursprünglich mündlich durch Geschichten und graphisch durch Symbole zu überliefern das bis heute sehr gut funktioniert. Unser Gehirn ist wie für diesen kollektiven Traum gebaut den die Mythen erzeugen und die Wahrheiten werden dadurch nicht weniger valide. Wir haben nur für uns vielleicht andere wahrheiten gefunden.

  "It is new, indeed, for I made it last night in a dream of strange cities; and dreams are older than brooding Tyre, or the contemplative Sphinx, or garden-girdled Babylon."

H.P. Lovecraft, "The call of Cthulhu" 

 

Moderne Mythen

In seine Buch "The demon haunted world - Science as a candle in the darkness" beschreibt Dr. Carl Sagan die modernen Mythen unserer Zeit. Alienentführungen, Engelserscheinungen und Wunderheilungen und wie der Glaube an diese Mythen die Menschen glauben macht ganz reel Dinge erlebt und gesehen zu haben, nicht nur als individuelle sondern auch als kollektive Täuschung.

Dr. Elizabeth Vandiver meint dazu in ihrer Vorlesungsreihe "Classical Myths" das die Mythen die sich früher in der Unterwelt abgespielt haben, in der Anderswelt, auf verzauberten Inseln oder am Rand der Welt in einer Welt die durch Wissenschaft erklärt und durchgehend kartographiert und erkundet sich der Ort der mythischen Begegnungen an den neuen Rand der Welt verschoben hat, das Universum ausserhalb der Erde oder in die Verborgenheit von Verschwörungen ausserhalb unserer Sicht.

Das Universum in dem wir leben ist nach dem Verständnis der meisten heutigen Menschen größer geworden, komplexer und umfangreicher. Für einen Menschen des antiken Griechenlands war die ganze Welt die griechische Halbinsel, die an das Mittelmeer angrenzenden Länder und die darin befindlichen Inseln. Jenseits der Säulen des Herkules, der Strasse von Gibraltar, endete die Welt im großen Okeanos der sich bis zum Rand der Welt erstreckte. Heute würden wir formulieren das wir unser Sonnensystem als bekannte Welt definieren würden, aber jenseits davon liegt alles im Schatten und ist unsicher. Wir sehen zwar die Sterne und können Planeten nachweisen und andere Galaxien sehen, aber noch haben wir niemanden da draussen gefunden der mit uns spricht.

Würde man die Mythen und Epen heute erzählen wäre Odysseus wahrscheinlich zwischen den Sonnensystemen der Milchstrasse umhergeirrt, auf der Suche nach seiner Familie und seinem Heimatstern, als verlorener im Sternenmeer in der Dunkelheit.

 

Published on  02.09.2022