Netwyrd

Telegram "Heidan Taverna"

boduos et celtoi.net

The content of this page is licensed as:

Neopagan leben

Dieser Text spiegelt meine persönliche Meinung wieder. Dieser Text wird Kapitel für Kapitel ergänzt




Erfahrungsreligion contra Offenbarungsreligion

Die Leute reden immer von Religion und vom Glauben, aber was ist das eigentlich? Ist das das Gleiche? Sind das zwei verschiedene Sachen? Ist das wichtig? Im Prinzip ist es wichtig, selbst für Leute die der Meinung sind, das sie an so gar nichts glauben. Glauben gehört zum Menschsein dazu, ohne geht es nicht. Man muss nicht unbedingt an Götter glauben, aber man glaubt. Immer.

Per Definition ist Glauben etwas individuelles, etwas persönliches, subjektive Realität. Glauben ist das was wir wahrnehmen, erleben und empfinden, mit objektiver Realität hat das leider leider wenig zu tun. Objektive Realität ist das was im Universum wirklich passiert, aber wer will schon wissen,was im Universum passiert? Dafür sind weder unsere Gehirne noch unsere Sinne geeignet, deshalb interpretieren wir das was im Universum wirklich passiert soweit wie wir es mitbekommen. Das ist unsere subjektive Realität. Wenn wir mit verschiedenen Menschen aufeinandertreffen und uns darauf einigen das wir eine gemeinsame Geschichte von der Realität haben dann ist das intersubjektive Realität oder in unserem Fall Religion.

Religiöse Lehren und Systeme deuten und definieren uns die Wirklichkeit. Im Gegensatz zum persönlichen erlebten und erfahrenen Glauben ist die Religion eine gemeinschaftliche Deutung der Wirklichkeit auf die sich eine Kultur geeinigt hat um ein gemeinsames System der Kommunikation und Wahrnehmung zu erschaffen.

Die Schriften des alten Testaments spiegeln die Erfahrungen, Normen, Werte und Vorstellungen einer kleinen Gruppe judäischer Priester wieder die die Realität gedeutet und gewertet haben. Die Gebote und Werte, die Riten und Mythen dort spiegeln durchaus den Glauben eines Volkes wider, aber die Form und Gestalt in die diese formuliert wurden wurde von einer religiösen Kaste vorgegeben die ihre Version oder besser gesagt ihr Verständnis ihres Glaubens in die Schriften gegeben haben. Diese Schriften, ob es jetzt die Rollen der Thora sind, die die judäischen Priester neiderschrieben, die Bibel in ihren vielen Variationen und Übersetzungen des christlichen Konzils von Nizäa oder der unveränderliche Quran, niedergeschrieben vom "Siegel der Propheten", wie ein Beinname Mohammeds lautet sind zentrale Instanzen der Deutung und Bewertung der Realität. Dies gilt übrigens nicht nur für die abrahamitischen Religionen sondern auch für die Schriften der Veden oder den Buddhismus, der Konfuziunismus oder die Lehren des Tao. Sie sind die Maßgabe und Richtschnur für ihre Gemeinden. Die Weisen studieren diese Schriften und legen sie schliesslich den weniger Weisen dar, erklären die Worte und Lehren ihrer Götter, Propheten und Weisen.

Die Mythen der Kelten wurden auch durchaus auch definiert und formuliert durch bestimmte Kasten, durch die Druiden und die Barden.Die Druiden waren soweit wir wissen Universalgelehrte, Theologen, Friedensrichter und Wissenschaftler. Ähnlich wie die Geistlichen im Islam sprachen sie Recht innerhalb der Gesellschaft, konnten Urteile fällen über Leben und Tod und die Verstossung eine Menschen aus der Gemeinschaft. Allerdings waren anders als Islam die Grundlagen und die Quellen für die Religion der Kelten der Antike keine unabänderliche Schrift wie der Quran und diese Religion wurde auch nicht von einem Propheten verkündet. Die Religion der Kelten hat sich entwickelt über einen großen geographischen unt zeitlichen Raum und hatte keine verbindliche zentrale Instanz. Es heisst, das die Duiden sich im legendären Karnutenwald im heutigen Frankreich in regelmässigen Abständen getroffen haben und das die Römer eine Zelle druidischen Widerstands auf Inis Mona ausgelöscht haben wo sie männliche wie wibliche Geistliche in Mengen getötet haben sollen, aber unabhängig von diesen Stätten und Zusammentreffen von denen wir heute nur vermuten können was dort geschah entwickelte jeder Stamm sein eigenes Pantheon, jede Region hatte ihre eigenen Riten und Vorstellungen. Es gab keine zentrale Instanz, keine Schrift und keinen Propheten der die Wahrheit verkündete und deutete.

Polytheistischer Paganismus ist eine Erfahrungsreligion. Sie lebt davon das wir mit der Umwelt interagieren, Erfahrungen machen und deuten, Initationstode sterben und Initationswiedergeburten leben. Durch das bewusste Erleben und Mitwirken am Universum erschliesst sich erst das Verständnis für die Götter und die Symbole. Man kann keine Instanz befragen und keine Schrift erlernen um die Wirklichkeit zu verstehen, man kann sich nur den Weg weisen lassen um diesen dann selbst zu beschreiten. Persönliches Wachstum und Entwicklung des eigenen Wyrd ist meiner Meinung nach der Weg neopagan leben zu können, die Frage ist wie wir wieder lernen können diesen Weg zu gehen, welche Methoden wir anwenden, denn schliesslich ist dieser Weg in der Neuzeit durch den Konsumismus verschüttet, durch die moderne Lebensart und Denkweise.

In der heutigen Zeit kann ein moderner und lebbarer Paganismus meines Erachtens nur begrenzt rekonstruktionistisch arbeiten, beziehungsweise bedient sich der rekonstruktionistischen Methode nur für das Verständnis der Vergangenheit um diese in der Gegenwart zu interpretieren zu können um nicht spekulieren und erfinden zu müssen. Eines müssen wir uns als Heiden nämlich vergegenwärtigen, das Vergangene ist eben dieses. Vergangen. Es kann heute nur neues geben und gegenwärtiges, weil sich nicht nur unser technischer Horizont verändert hat sondern auch unsere Wahrnehmung, unser Denken, unsere Lebenswelt aber auch unser Blick auf das Universum.

Der Weg zu gelebten und erlebten Paganismus in unseren Tagen ist meiner Meinung nach der des Erlebens und durch das Erleben des Verstehens. Dieser kann nicht durch dröge "Mysterien" in Hinterzimmern oder in Online-Kursen vermittelt werden oder durch die Lektüre von Büchern oder das Schauen von Dokumentationen im Fernsehen und im Internet. Auch eine Art rekonstruktionistisches Reenactment kann für uns heute nicht die Lösung sein. Unser Weg ist, wie ich ihn verstehe, der des persönlichen Wachstums, der persönlichen Heldenreise und des persönlichen Erlebens und Verstehens.

 

Die persönliche Heldenreise

Die persönliche Heldenreise ist ein beschreitbarer Weg zur direkten Erfahrung und des persönlichen Wachstums, die uns mit Fähigkeiten, Erfahrungen und Wissen bereichert die wir mitnehmen können, damit wir die Menschen die uns nahestehen daran teilhaben lassen können, uns austauschen können und gemeinsam an unserem gemeinsamen Weg weiter arbeiten können.

Die persönliche Heldenreise ist ein zu beschreitender Weg der uns von dieser Welt, der alltäglichen Welt in die Unterwelt führt. Gewöhnlich will man dem Ruf nicht Folge leisten, weil das bedeutet, das man das Gewohnte, das Sichere und das Vertraute aufgeben muss für das Ungewisse. Wer wagt, kann verlieren, der kann scheitern. Wer nicht scheitern kann, kann aber auch nichts Neues dazu gewinnen.

Da die persönliche Heldenreise vom Bekannten und Vertrauten in unentdecktes Land und unbekannte Gefilde führt, brauchen wir Mentoren, die uns den Weg und die Werkzeuge weisen um die Schwelle von unserer vertrauten Heimat in die Fremde führen. Dieser Weg ist nicht unbedingt geographisch zu verstehen.

Es gilt die Schwelle zu übertreten und die Heimat hinter sich zu lassen, wie Alice, die in den Kaninchenbau eindringt und tiefer und tiefer in die Welt unter der Welt vordringt. Um die Schwelle zu überwinden muss man das erste Hindernis, den Schwellenwächter überwinden, ist dies geglückt kann die Reise beginnen, die gelbe Ziegelsteinstrasse voran.

Auf dem Weg durch das unentdeckte Land stellen wir uns unseren Herausforderungen und Gegnern, bewältigen Aufgaben Prüfungen um dann durch Tod und Wiedergeburt ein Initationserlebnis zu durchlaufen. Erst wenn man sich der größten Aufgabe gestellt und gesiegt hat kann man mit dem Elixier, dem Zauber, der Gabe den Rückweg antreten.

Was folgt, ist der Heimweg nach Hause, in die Oberwelt um die Gemeinschaft mit den neu erlernten Fähigkeiten und dem neuem Wissen zu bereichern, persönlich an Geist und Körper gereift. Doch so verändert ist man den anderen fremd und man hat sich von seinen Mitmenschen entfernt. Der Heimweg wird nicht von dem beschritten, der die Reise angetreten hat. Diese Schwelle aus der Unterwelt zurück an die Oberwelt  muss ebenso überwunden werden.

Nicht alle Heldenreisen gleichen sich. Generell beschreibt das Prinzip der Heldenreise eine Initationserfahrung in die das Individuum über Krise und deren Überwindung eine Erfahrung durchläuft, die einen transformierenden Charakter hat. Der Held, die Heldin übersteht die Prüfungen, überlebt die Krise und geht verwandelt aus ihr hervor. In der Verhaltensforschung nennt sich dieser Vorgang posttraumatisches Wachstum.

Die individuelle Heldenreise variiert nicht nur von Erlebnis zu Erlebnis sondern auch thematisch. Da die menschliche Gesellschaft aus verschiedenen archetypischen Grundtypen besteht muss auch die Heldenreise thematisch variieren. Der Heiler durchläuft gänzliche andere Initiationsimpulse als die Kriegerin, der Ordnungshüter andere als die Tricksterin.

Der erste Schritt zum Beginn der eigenen Heldenreise ist der Blick in den Spiegel, das Erkennen dessen wer wir sind, was wir sind. Erst wenn wir uns erkannt haben, können wir durch den Spiegel in das Land dahinter treten um unsere Reise anzutreten.

 

Der Spiegel

Der Spiegel zeigt uns immer nur das was wir sehen wollen, Wahrheit zeigt ein Spiegel nicht, nur Erwartungen. Wenn wir versuchen uns möglichst ehrlich und kritisch zu betrachten, gewillt sind uns nötigenfalls auch selbst zu verletzen, sind wir in der Lage mehr von dem Sein als vom Schein unseres Spiegelbilds wahrzunehmen.

Jeder Lebensfaden hat eine eigene Melodie, eine Schwingung mit der er sich bewegt, einen individuellen Lebensweg. So individuell unsere Leben und unsere Entscheidungen sind, folgen wir doch einen wenigen großen Themen oder Archetypen mit unserer Melodie.

Jene dort geht den Weg der Schamanin, ist Heilerin und geht in dieser Tätigkeit auf. Jener dort ist ein Kämpfer, ein Beschützer, beschäftigt sich mit Kampfkunst und mit den ethischen fragen des psychischen und physischen Konflikts. Jene dort ist Bardin, eine Poetin und lebt für ihre Musik, beschäftigt sich mit Rythmus, Metrik und Poesie.

Der erste Schritt auf der Reise ist, das wir wieder lernen uns kennenzulernen und zu erkennen um zu wissen wer wir sind und was wir wollen. Erst wenn diese Hürde überwunden ist, kann die Reise hinter den Spiegel beginnen.

Ich persönlich gehe davon aus, das dieses Haupthema der eigenen Melodie in der Regel konstant ist wenn man es erst einmal erkannt hat, aber es mag Ausnahmen geben. Jeder individuelle Lebensweg stellt den oder die Einzelne vor unterschiedliche Herrausforderungen, bietet einen eigenen Betrachtungswinkel und einen anderen Beitrag für die Gemeinschaft.

Auch für dieses Selbst erkennen ist das direkte Erleben die wichtige Erfahrung. Es hat wenig wert wenn ich mir von einem "Weisen" erläutern lasse warum ich dieses und jenes bin. Wir müssen wieder lernen uns selber zu erkennen und mit dem was wir vorfinden auch leben zu können. Ein Mentor kann uns anleiten, aber den Weg nicht abnehmen.

Published on  01.06.2019