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Raganrøk

Zitat von: Wikipedia

Die Ragnarök (altnordisch „Schicksal der Götter“; aus regin, gen. pl. ragna „Gott“, rök „Ursache, Sinn des Ursprungs“)[1] ist die Sage von Geschichte und Untergang der Götter (Weltuntergang) in der Nordischen Mythologie, wie es die Völuspá prophezeit



Ragnarök ist, wenn wir den Eddaversen von Snorri Sturlsøn folgen, der Untergang des alten Asengeschlechts, bzw der alten Ordnung und der Beginn einer neuen Ordnung. Nicht nur in Herrschaft sondern auch als Weltordnung.

Es gibt immer wieder den Ansatz einen christlichen Einfluss im eschatologischen Bild der Ragnarök zu vermuten. Snorri Sturlson lebte 1179-1241 CE im bereits christianisierten Skandinavien. Forscher gehen wohl davon aus, das die Vorstellung des Ragnarök nicht christlich beeinflusst ist sondern orginär germanischen Ursprung (Quellen nachreichen...). Eine Ansicht die ich teile. Allerdings sehe ich persönlich im Ragnarök auch nicht ein Weltenende im christlichen Sinne sondern eine Neuordnung, einen transformativen Prozess. Da im Gespräch mit anderen verschiedene Thesen dazu aufkamen habe ich mir gedacht das ich diese hier einmal festhalte, vielleicht dient es dem einen oder anderen zur Inspiration.

Ragnarøk als Paradigmenwechsel

Ragnarök kann man meiner Meinung nach als einen Paradigmenwechsel sehen. Mit Paradigmenwechsel meine ich nicht nur die Weitergabe der Macht an eine neue Partei sondern eine komplette Auflösung von Herrschaft und Ordnung, der geordneten Welt wie sie vorher war und das Entstehen einer neuen Welt, einer neuen Ordnung.
Als Beispiel kann man den Untergang des römischen Reiches als einen starken Paradigmenwechsel ansehen. Nicht nur das die Herrschaft aus der Hand der römischen Caesaren und des Senats genommen wurde, der komplette Staat mit seinen Institutionen und Einrichtungen zerbrach. Man muss dabei bedenken das der Paradigmenwechsel von innen einen anderen Effekt hat als von aussen. Für den Kaiser von China, die Tolteken, die Bewohner Skandinaviens oder der Mongolei war das unspektakulär bis nicht existent. Für einen römischen Staatsbürger war der Untergang des römischen Reiches ein absolut katastrophales Ereignis globalen Ausmasses.
Das Gleiche lässt sich über die Ankunft von Hernando Cortez im Reich der Azteken sagen. Die Ankunft der Spanier in diesem Teil Südamerikas hatte für den durchschnittlichen Bauern in Spanien weniger den Effekt wie für die Bürger im Reiche Montezumas. Im Aztekenreich löste die Ankunft der Spanier nicht nur die Auflösung der Herrschaftsverhältnisse aus sondern eine komplette Versklavung und Ermordung großer Teile der indigenen Bevölkerung sowie die Auslöschung ihrer Geschichte und Kultur durch die christliche Mission. Man kann hier getrosst von einem Genozid sprechen. Mit 15 Millionen Toten steht Hernando Cortez Schulter an Schulter mit Adolf Hitler (was sich gegen Mao Zedong allerdings wie ein Kindergeburtstag anfühlt).
Ein drittes Beispiel mag ich noch anführen.1945 warfen die Vereinigten Staaten von Amerika über dem verfeindeten Kaiserreich von Japan Atombomben über die Städte Nagasaki und Hiroshima ab und töteten dabei direkt und kollateral ca 250.000 Menschen. Japan kapitulierte Bedingungslos und ordnete sich unter. Dieses Ereignis kann mal als Zäsur in der japanischen Geschichte sehen.

Im Prinzip haben wir hier in der Geschichte der Neuzeit ähnliche Ereignisse wie den Ragnarök. Durch falsche Entscheidungen (Freyr gibt sein Schwert für die Liebe, was sein Leben kostet, der Hochmut der Götter führt zu Baldurs Tod, die zum Teil ungerechte Behandlung Lokis führt zur Entstehung von Fenris, Hel und Jörmungandr) wird ein Zustand geschaffen der nur im Kollaps enden kann. Verhandlungen sind nicht mehr möglich, Unterwerfung keine Alternative. Es gibt nur die komplette Auslöschung des Gegners, die Fronten sind verhärtet. Im epischen Gefecht der Geschlechter stürzt die Weltordnung ein und das Universum wie es gekannt war zerbricht. An seine Stelle entsteht aus den Ruinen eine neue Welt mit neuen Geschlechtern die nach dem reinigenden Feuer unbefangen und vorurteilsfrei aufeinander zugehen können. Eine neue Ordnung ist entstanden aus der Asche der alten Welt.
Allerdings ist Ragnarøk nicht das erste Ereignis seiner Art. Die erste Neuordnung der Welt begann mit Odin und seinen Brüdern als sie ihren Uhrgroßvater Ymir töteten und daraus die Welt erschufen. Aus dem Kosmos der vorher nur aus Feuer, Eis und Leere bestand wurde eine Welt mit nach wie vor Feuer und Eis, aber auch Erde, Steinen, Meeren und einem Himmel der alles überwölbt. Die Welt wurde komplett neu geordnet. Odin, der dieses Ereignis mit verursacht hat stirbt am Ende dieses Zeitalters der Götter und ein neues, anderes Zeitalter entsteht, mit einer neuen Welt.

Das Motiv des Ragnarök ähnelt dem Sturz der Titanen in der hellenistischen Mythologie. Erst stürzt Chronos seinen Vater Uranos indem er ihn mit einer Sichel entmannt, was diesem die Macht raubt. Damit schafft Chronos den Übergang vom Urchaos zur Herrschaft der ursprünglichen Elemente, der Herrschaft der Titanen. Ihm wurde geweissagt das er durch die Hand der eigenen Kinder stürzen würde. Anstatt auf den Beischlaf und die Zeugung von Kindern mit seiner Gattin Rhea zu verzichten frisst er diese zur Gänze sobald sie auf die Welt kommen. Lediglich das letzte, Zeus entgeht ihm, weil Rhea ihm einen in ein Tuch gewickelten Felsen reicht. Zeus wird von Nymphen aufgezogen und von Metis unterwiesen. Im Mannesalter bringt er seinen Vater durch eine List dazu seine Geschwister (lebendig) auszuspeien und schneidet ihn danach mit seiner eigenen Sichel in Stücke. Damit läutet Zeus das Zeitalter der Götter ein, von denen er viele selber zeugt. Erst durch Prometheus wird ein weiteres Zeitalter eingeläutet, das Zeitalter der Menschen.
In der griechischen Mythologie ist der Paradigmenwechsel also ein durchaus geläufiges Motiv. Man kann davon ausgehen, das die christliche Religion das Motiv eher von den heidnischen Religionen entliehen hat als umgekehrt.

Aus der keltischen Mythologie ist uns leider kein vergleichbarer Mthos überliefert.


Ragnarøk als zyklisches Ereignis

Eine andere Deutung der Verse ist, Ragnarök als ein zyklisches Ereignis im solaren Jahreslauf bzw alternativ im lunar-solar Jahreskreis zu sehen.

Ich habe dazu weniger ausführliche Antworten gefunden, eine Deutung war, das der Höhepunkt der Finsternis, die Wintersonnenwende und die darauf folgenden Rauhnächte symbolisch den Ragnarøk kennzeichnet und die darauffolgende Wiedergeburt des Lichts (bitte bedenken das Lichtmess eher keltische als germanische Wurzeln hat) das "Auferstehen aus Ruinen" und Erwachen eines neuen Zyklus ist. Das wäre eine Deutung für ein zyklisches einzelnes Sonnenjahr.

Eine weitere Möglichkeit in dieser Deutungsweise ist ein Mehrjahreszyklus. Beispielhaft dafür wäre hier der keltische Coligny Kalender mit einem Gesamtzyklus von 5 Jahren Dauer oder der vermutlich aus dem 5 Jhd BCE stammende Meton-Kalender. Der Meton-Kalender ist ein Luni-Solarkalender mit einer Zykluszeit von 19 Sonnenjahren um Sonnen- und Mondjahr zu synchronisieren. Ein weiterer Zyklus aus dem alten Ägypten ist der Sothis-Zyklus mit 1424 Jahren Laufzeit. Dieser Zyklus ist ein Sternenzyklus der sich am Stern Sirius orientiert und die Zeitdauer markiert in der der Aufgang des Sirius einmal komplett durch ein solares Jahr wandert.

Wie wir das mit einem nordischen Kalendersystem in Einklang bringen könnten ist mir absolut unklar, ich bin aber für ernsthafte Ideen offen.


Ragnarøk als esoterische Erfahrung

Noch nebulöser für mich persönlich ist die Idee des Ragnarøk als esoterische Erfahrung. Bei diesem Ansatz wird davon ausgegangen das die innere Struktur und Ordnung durch einen Konflikt aufgelöst wird und daraus entstehend eine neue Ordnung und Struktur entsteht. Das Konzept klingt für mich als würde die entsprechende Person ein schweres Trauma erleiden wie Folter, Kriegstrauma, schwerwiegende Unfälle, Naturkatastrophen und dadurch eine komplette Persönlichkeitsveränderung, -spaltung, -auflösung erfahren.
Ich bin kein Psychologe, aber ich denke das das kein reguläres Erlebnis war und ist und eher die seltene Ausnahme darstellt. Zudem, soweit ich weiss, leiden die Personen die so schwere Traumata erlitten haben und schweren Störungen, man kann hier also nicht von einer Neuordnung sprechen.

Ich persönlich halte Ragnarøk als esoterische Erfahrung für eher unwahrscheinlich.

 

 

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ragnar%C3%B6k

https://de.wikipedia.org/wiki/Paradigma

https://de.wikipedia.org/wiki/Sothis-Zyklus

https://de.wikipedia.org/wiki/Meton-Zyklus

https://de.wikipedia.org/wiki/Lunisolarkalender

https://de.wikipedia.org/wiki/Kalender_von_Coligny

Stephen Fry "Mythos"

Gustav Schwab "Sagen des klassischen Altertums"

Arnulf Krause "Die Edda"

Published on  24.12.2018