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#thoughts Lovecraft

 

It is not dead what eternal lie, and in strange eons even death may die.

 

 

Ich gestehe, ich bin ein Lovecraft-Fan. Schuldig im Sinne der Anklage.

 

Für mich ist Lovecraft einer der größten Schriftsteller aller Zeiten. Nicht wegen der Werke die er selber schrieb, die sind an sich schon großartig, sondern auch wegen der Inspiration die er anderen gab, den Einfluss den er auf andere Kulturschaffende bis heute hat und die Räume die er in unseren Köpfen geöffnet hat. Er gilt wohl neben Robert E. Howard "Conan der Barbar" und J.R.R. Tolkien "Herr der Ringe" zu den maßgeblichen Kulturerneuerern der Moderne und ich will mich dieser Meinung nicht in den Weg stellen.

 

Zuallererst. Lovecraft hat durchaus fantastische Horror-Literatur geschrieben, aber weniger klassische Horrorgeschichten über Geister, Werwölfe oder Vampire. Lovecraft könnte man als Erfinder des fantastischen futuristischen postmodernen Science Fiction Horror Literatur bezeichnen. Seine Geschichten mögen auf den ersten Blick von okkulten Sekten handeln die obskure Götter anbeten udn Dämonen und so weiter, aber wenn man sich in diese Geschichten einliest wird schnell klar das Lovecraft ein anderes Thema hat als über Elfen, Feen und Trolle zu schreiben. Lovecraft schreibt über das Universum, über Bereiche des Universums die der Mensch noch nicht erfasst hat oder erfassen kann und das was sich im Dunkeln des Universums bewegt. Die Dinge die darin leben.

"Sie kamen von den Sternen und brachten ihre Bildnisse mit sich" Castro, Call of Cthulhu

Mythologie

Für seine Werke hat er eine Mythologie bzw ein Pantheon geschaffen das sich durch alle seine Erzählungen zieht und seinen Kosmos ausfüllt. unmenschliche und unaussprechliche Dinge die anzuschauen schon den Verstand kosten kann:

Schon an dieser kleinen Auswahl kann man sehen das die "Gottheiten" in diesem Universum weder dem Menschen zugetan sind noch der Menschheit freundlich gesinnt. Es sind wenn überhaupt universale Gottheiten die einzelne Spezies eher unter den Füssen bzw. Tentakeln zerquetschen als wie kleine glückliche Feen Wünsche zu erfüllen. Dennoch haben sie in vielerlei Gestalt Eingang in die heutige populäre Kultur gefunden, auch wenn die meisten Menschen nicht wissen woher die ihnen bekannten Bilder eigentlich kommen.

 

Rassismus

Lovecraft war auch Rassist, weltfremd, xenophob. Das spiegelt sich in seinen Geschichten wieder. Er hat seinen Rassismus in seinen letzten Jahren wohl abgelegt, aber ich rechne es seinen Geschichten nicht als Nachteil an. Seine Geschichten spielen sich am Anfang des 20ten Jahrhunderts ab und Rassismus war allgegenwärtig, schmerzhaft spürbar, ein Übel auf der ganzen Welt. Genauso wie heute. Seine Geschichten werden dadurch nur authentischer und beschreiben meiner Meinung nach die menschliche Psyche der Gruppe besser als Autoren die romantisierender schreiben. Indem er seinen Rassismus und seine Xenophobie auf bestimmte Gruppen überträgt, hier ein paar Beispiele:

Wenn ich Authentizität sage, dann meine ich das im Sinne als wenn man ein Buch über den amerikanischen Bürgerkrieg schreiben würde oder über die Bürgerrechtsbewegung der 70er Jahre in Amerika oder über Hitlers Deutschland. Diese Bücher wären ohne den Rassismus, die Menschenverachtung und Herabwürdigung ganzer Bevölkerungsteile nicht ernstzunehmen oder geniessbar. Das bedeutet aber nicht, das man sich Lovecrafts Xenophobie zu eigen machen soll. Es beschreibt nur eine Situation aus der Sicht des Erzählers, seine Art die Welt zu sehen. Die muss man nicht übernehmen.

Weder sein Rassismus noch seine Art Literatur zu schreiben machen Lovecraft zu einem besonderen Schreiber. Was ihn allerdings von anderen abhebt sind bestimmte Kernmotive die in allen seinen Geschichten mitschwingen und die bis heute Geschichtenerzähler, Regisseure und Autoren nicht mehr loslassen:

 

Die Stellung der menschlichen Spezies

„Auf einem der letzten und zerfallensten Reliefs fiel uns ein watschelndes, primitives Säugetier besonders ins Auge, das von den Landbewohnern teils als Schlachtvieh, teils als lustiger Spaßmacher gehalten wurde – seine affenartigen und menschlichen Ansätze waren nicht zu übersehen.“

William Dyer, Mountains of Madness

In Lovecrafts Geschichten ist der Mensch ein eher zufällig entstandenes Produkt aus den Genexperimenten der älteren Rasse, einer halbpflanzlichen Spezies die die Erde vor dem ersten Leben aus dem All zu besiedeln begann und bis heute in den Tiefen der Erdkruste und in den Meerestiefen in uralten Städten Hausen könnte, falls die rebellierenden Shoggothen einige am Leben gelassen haben.

In der Geschichte "A shadow out of time" beschreibt Lovecraft die ältere Rasse von Yith, eine Art Kegelwesen die von Wesen einer sterbenden Welt durch telepathische Massenflucht übernommen wurden und Vergangenheit wie Zukunft erforschen und dokumentieren. Diese Rasse lebt zur Zeit der Dinosaurier und lebt in ständiger Angst vor dem fliegenden Polypen. In späteren Zeiten wird diese Rasse wieder in eine andere transferieren um ihr Aussterben zu verhindern, nämlich in die auf die Menschen folgende Zivilisation der Käfer.

Für Lovecraft war die menschliche Spezies nur eine Laune der Natur und weit davon entfernt im Universum einen signifikanten Anteil oder Anspruch zu haben. Im Gegensatz zu fast allen vorangegangenen Autoren ist er nahezu misanthropisch daran gelegen uns unsere Unwichtigkeit und Belanglosigkeit um die Ohren zu prügeln und die kurzlebigkeit unserer Kulturen und ihrer Kulturerzeugnisse vor Augen zu führen. Er stösst den Menschen vom Thron des Universums ind en Staub ohne Gnade zu zeigen.

 

Die Türen des Wissens

Zu Lovecrafts Zeiten war die Evolutionstheorie noch sehr neu und aktuell. Die Relativitätstheorie und die Quantentheorie gerade erfunden und Pluto eben erst entdeckt. Lovecraft war ein Kind einer Zeit das mit allem angestammten Wissen zu brechen glaubte und es gab für einen belesenen Autodidakten wie ihn keine Grenze die es nicht zu überschreiten gab, nur zu wenig Bücher. Deshalb erfand er diese für seine Geschichten, zum Beispiel:

Dieses Motiv wurde wunderbar in dem Computerrollenspiel "Elder Scrolls V - Skyrim" mit seinen Add-ons aufgegriffen. Im Spiel interagiert der Protagonist mit Hermäus Mora, einem quasi gottgleichem Wesen, vergleichbar mit einem Titan, dessen Domäne jedwedes, aber vor allem verbotenes Wissen ist. Der Protagonist kann dieses durch die schwarzen Bücher des Hermäus Mora erlangen und dadurch übermenschliche Fähigkeiten und verborgenes Wissen erwerben. Interessanterweise wird Hermäus Mora als Wolke aus schwarzen teerigen Tentakeln und schillernder Augen mit gespaltenen Pupillen dargestellt, eine Hommage an Cthulhu wie an Yog Sototh.

Für Lovecraft war das Wissen unbegrenzt, allenfalls schwer erreichbar, aber auch gefährlich. Wer es besass verfügte über unglaubliche Macht wie zum Beispiel die Hexe Keziah Mason die mithilfe höherer Mathematik und nichteuklidischer Geometrie die Grenzen von Raum und Zeit sprengen konnte und sich durch diese frei bewegte.

Oder um es mit Lovecrafts Worten zu sagen:

"Wir leben auf einer ruhigen Insel der Unwissenheit in der Mitte eines schwarzen Meeres der Unendlichkeit, und es war uns nicht zugedacht, dass wir weit reisen. Die Wissenschaften, die jede in ihre eigene Richtung streben, haben uns bisher kaum geschadet; aber eines Tages wird das Zusammensetzen von dissoziierten Wissen uns eine solche erschreckenden Aussichten auf die Wirklichkeit und unserer furchtbaren Position darin eröffnen, dass wir entweder verrückt werden über diese Offenbarung oder wir vor diesem tödlichen Licht der Erkenntnis in den Frieden und die Sicherheit eines neuen dunklen Zeitalters fliehen werden. "

Francis Wayland Thurston, Call of Cthulhu

 

Wir sind nicht allein

Lovecraft spielt auch mit unseren Vorstellungen die Kontrolle zu haben. In seiner Welt die er mit seinen Geschichten skizziert treiben dunkle "satanische"*¹ Kulte und Dämonenanbeter in der Welt ihr Unwesen ohne Rücksicht auf Menschenleben oder Konsequenzen:

In anderen Geschichten beschreibt er die Anwesenheit unglaublich alter Rassen und Wesen auf der Erde selbst zu Zeiten der Menschen. Dabei sind diese nicht gerade sanft und weise sondern von ihren eigenen, kaum verständlichem Motiven und Bedürfnissen getrieben und die Menschen sind bestenfalls egal, im schlechtesten Fall im Weg und werden beseitigt. Dabei geht meist einiges zu Bruch, allen voran die geistige Gesundheit der Protagonisten:

 

Lovecrafts Universum

Das Universum von Lovecraft ist größer als unsere Vorstellungskraft und das zu erwerbende Wissen unendlich und gefährlich. In seiner Welt sind wir Menschen nicht einmal Statisten sondern wie Moos auf einem Stein, ein vorrübergehender Zustand. Der eigentliche Horror besteht in der eigenen Machtlosigkeit, dem eigenen Unwissen und der eigenen Unwichtigkeit, das größte Grauen ist das Unbekannte, die Strafe sind Tod oder Wahnsinn.

Für mich persönlich ist das aber nicht abschreckend. Ich finde den Gedanken ein kleines Wesen in einem großem Universum zu sein eher aufregend. Es gibt so viel zu entdecken, zu erleben, zu sehen und zu lernen. Im Gegensatz zu Lovecraft leide ich weder an ausgeprägtem Rassismus noch Xenophobie sondern unter Neugierde. Ich wäre in seinen Geschichten wahrscheinlich einer wie Professor Willmarth oder der Student Danforth die in der Bibliothek der Miskatonic University das Necronomicon gelesen haben und fortan mit Wissen gestraft sind. Wir sollten aber nicht das Wissen fürchten, sondern lernen wie man mit dem was wir gelernt haben umgeht.

Lovecrafts Universum ist unendlich, unbarmherzig und tödlich. Das ist unser Universum auch. Wir müssen lernen damit umzugehen, nicht es auszublenden. Damit wir in den Sternenhimmel sehen und und freuen können und nicht aus Angst vor dem Tod den Kopf senken. Schliesslich sind wir noch hier, entgegen aller statistischen Wahrscheinlichkeiten.

 

Lovecrafts Erbe

Aus dem Kopf für den interessierten Leser ad hoc ein paar von Lovecraft beeinflusste Werke unserer Zeit:

Filme

 

Bücher:

 

Computerspiele:

Musik:

 

Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten.

Howard Phillips Lovecraft

*¹ das Wort satanisch beschreibt hier lediglich die Atmosphäre. Da Lovecraft sich anscheinend kaum um die christliche Theologie und Weltanschauung geschert hat greift auch das Attribut satanisch allenfalls als beschreibend und ist damit äusserst unpräzise von mir.

Published on  31.07.2018