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#thoughts [de] Naturreligion

Allen voran, ich bin mir bewusst das der Terminus "Naturreligion" in der Ethnologie nicht mehr aktuell ist und als algemein zu unpräzise angesehen wird. Meine Gedanken beschäftigen sich hier mit der neopaganen Diskussion und nicht mit ethnologischen Fachtermini.

Wenn es um vorchristliche Religionen geht wird oft das Wort Naturreligion benutzt. Aber was bedeutet das? Waren die eisenzeitlichen Kelten Baumhirten und Tierfreunde, trugen sie Blumen im Haar und lachten auf grünen Wiesen? Der Gedanke das die vorchristlichen Völker lebten wie die Eldar in Herr der Ringe ist in unserer desillusionierten und technisierten, ramponierten heutigen Welt total schön. Aber diese Vorstellung ist unzutreffend.


Um die Frage nach dem Begriff zu klären müssen wir uns diesen genauer betrachten.

Was ist Natur?


Der Begriff Natur und was dieser definiert ist allgemein strittig. Unter Anderem bezeichnet dieser:


- Die Gesamtheit natürlicher organischer Systeme

Demzufolge sind weder der Mond noch der allergrößte Anteil des Universums Natur. Bestenfalls kann man von Ödnis sprechen. Wie aber kann der Weltraum und die in ihm enthaltenen Objekte und Phänomene keine Natur sein? Ich persönlich lehne den Begriff als Bezeichnung des organischen Lebens ab.

- Alles im Universum vom Menschen unbeeinflusste und unveränderte

Das würde bedeuten das Teile des Mars und des Mondes keine Natur mehr sind, da sie vom Menschen in ihrer natürlichen Ordnung verändert wurden. Auf unseren Planeten trifft dieses noch im viel größerem Maßstab zu, aufgrund der Veränderungen in der Oberfläche, der Eingriffe in Tier und Pflanzenwelt, des Eindringens in die Meere und die Beeinflussung von Atmosphäre und Klima dürfte es auf der Erde keinerlei Natur mehr geben. Arten wie Getreide oder Haustierrrassen sind in keinster Weise mehr der Natur zugehörig, da deren Erbgut radikal durch Menschen verändert wurde.

Auch diese Definition erscheint nicht richtig, denn ich sehe sehr wohl Natur um mich herum.

 

- Alles im Universum enthaltene.

Auch diese Definition erscheint nicht richtig. Wenn die Natur alles einschliesst habe ich keine Möglichkeit mehr zwischen natürlichen und künstlichen Prozessen zu unterscheisden. Es gobt keine Unterscheidung zwischen Kultur und Natur.

 

- Alles was sich dem Bewusstsein entzieht

Allem Anschein und meinem Verständnis nach ist Natur, was sich dem Wirken bewussten Denkens entzogen hat oder von ihm unbeeinflusst bzw unbeeinflussbar ist.

Da der Satz unglaublich verkopft klingt möchte ich das anhand eines Beispiels verdeutlichen. Wenn ein Mensch ein Haus baut, die Wände aufstellt, das Dach errichtet, dann ist dieses Haus nicht Natur sondern Kultur, ein Muster aus künstlichem bewussten Gewerken. Dieses Haus wird bewohnt, gereinigt, repariert. Nun verlässt der Mensch dieses Haus und die Wildnis erobert sich diesen Raum zurück. Scheiben brechen. Wasser dringt durch das Dach, Tiere nisten in den Mauern. Da sich dieses Haus dem Wirken bewussten Denkens entzogen hat wird es renaturiert, wieder Teil der natürlichen Umgebung.

Was ist Religion

Religion (von lateinisch religio ‚gewissenhafte Berücksichtigung‘, ‚Sorgfalt‘, zu lateinisch relegere ‚bedenken‘, ‚achtgeben‘, ursprünglich gemeint ist „die gewissenhafte Sorgfalt in der Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften.“

Quelle: Wikipedia

Der Begriff Religion ist ein nicht exakt definierter und sehr schwammiger Begriff der mehr verhüllt als erklärt. Unabhängig von allen religiösen Anschauen versuche ich mich an einer objektiven Definition. Meinem Verständnis nach ist:

Religion nennt man die Organisationsform intersubjektivem Realitätsverständnisses.

Das bedeutet das Religion sich auf einen Kanon einigt was Realität und Wahrheit ist und Regeln des Zusammenwirkens formuliert. Oder kurz, Religion ist gemeinschaftlicher Glaube.

Glaube ist etwas persönliches, jeder Mensch hat seine eigenen Vorstellungen, Weltanschauungen und Wahrheiten, aber es gibt auch Wahrheiten die geteilt werden, gemeinsame Ansichten und Werte. Dieses Gewebe geteilter Wahrheit mit all seinen Wechselbeziehungen nennt man Religion.

Jetzt wird der ein oder andere Leser argumentieren, das Religion den Glaube an eine Gottheit bedingt und die Anwesenheit von Priestern und Tempeln. Ich persönlich meine, das der Gottesbegriff  an sich in verschiedenen Religionen so divers ist, das man sich nicht auf eine einheitliche einigen kann, das Gleiche gilt für Tempel und Priester. Gemein ist allen Religionen das sie eine Wahrheit vertreten, Werte propagieren und Ideen teilen.

Nach dieser Definition ist auch der Kommunismus, der Kapitalismus oder der Nationalsozialismus eine Religion.

(siehe auch dazu "Eine kleine Geschichte der Menschheit" Yuval Noah Harari)

 

Ein Definitionsversuch des Wortes "Naturreligion"

Naturreligion ist eine geteilte Weltanschauung, die die eine stellvertretende Abbildung der Natur und ihrer Ordnung verehren und ihre Werte und Wahrheiten danach ausrichtet.

Naturreligion ist nicht die Romantisierung und Verherrlichung eine verzerrten Naturbegriffs.

 

Sind populäre neopagane Religionen in Deutschland  naturreligiös?

Asatru - Germanischer Rekonstruktionismus

Im Asatru, bzw der alten Sitte gibt es einerseits einen textlichen Kanon, der eine hohe gemeinschaftliche Akzeptanz hat im Form der eddischen Verse und der Sagas, andererseits einen nicht ganz einheitlichen Kanon in Bezug auf persönliche Sitte, lokale Traditionen und verschiedenste archäologische Befunde und Erkenntnisse.

Asatru ist teilweise eine Naturreligion. Es werden natürliche Elemente und Muster in zumeist antropomorpher (vermenschlichter) Gestalt verehrt und mit zusätzlichen Attributen versehen, vor allem bei den Thursen und Vanen.

Freyr ist die Fruchtbarkeit der Pflanzen und der Tiere (und Menschen), Ægir und Ran und ihre neun Töchter sind die Meere und die Widrigkeiten der Meere, wohingegen Njörd der Vane als Gott der Fischer und Seefahrer dienen kann also kein Natur-, sondern ein Kulturgott ist. Thor ist Regen, Donner, Blitz, Fruchtbarkeit aber auch Schutz und Gerechtigkeit.

Loki ist ein Trickster, Gott der Lügen, der Täuschung und der List also ein Kulturgott, ebenso wie Iduna für die Idee der Unsterblichkeit steht oder Tyr für Recht und Ordnung.

Durch die Vermengung von Kultur- und Naturverehrung ist Asatru, bzw alte Sitte nur zu Teilen naturreligiös.

Celtoi - Keltischer Rekonstruktionismus

Von den verschiedensten Ausprägungen keltischen Rekonstruktionismus kann man nur eines mit Gewissheit sagen. Es gibt keinerlei einheitlichen oder gemeinsamen Kanon.

Keltischer Rekonstruktionismus ist zu Teilen naturreligiös. Es werden natürliche Elemente und Muster in zumeist antropomorpher (vermenschlichter) Gestalt verehrt und mit zusätzlichen Attributen versehen, beispielsweise Cernunnos als Gott des Waldes, der Wildnis und der  Jagd, Taranis als Himmel, Blitz, Donner, Regen, Herrschaft, Rigani als Erde, Boden, Land, Herrschaft oder Nehelennia als Meer, Wasser, Schiffahrt.

Man kann an der Attributisierung sehen, das die antropomorphen Meme oder Götter nicht nur natürliche Attribute haben sondern auch kulturliche. Parallel dazu gibt es auch Kulturgottheiten die Ideen und Konzepte vertreten, beispielsweise Belisama für das Schmiedehandwerk, Handwerk, Feuer, Belenos für die Druidenklasse, Gelehrsamkeit, Heilkunst oder diverse Kriegsgottheiten für den bewaffneten Konflikt.

Schamanismus

Schamanismus ist meinem Verständnis nach bedingt eine Naturreligion, weil es verbindende schamanische Kernideen gibt die die vorhandene Natur abbilden. Es wird die These vertreten, das allem ein Denken und Fühlen, eine Seele gemein ist, was in diesem Weltbild die Grenze zwischen Kultur und Natur komplett einreisst. Im Schamanismus ist alles Natur.

 

Dieser Artikel spiegelt lediglich meine Auffassungen und mein Verständnis wieder. Ich erhebe keinen Anspruch auf alleinige Wahrheit, hoffe aber, das dieser Text dazu anregt Diskussionen zu führen damit wir alle unserer persönlichen Wahrheit wieder ein Stück näher kommen können.

 

Published on  26.01.2018